Hallo Zusammen!
Nun ist es auch schon wieder knapp einen Monat her, dass ich meine Leserschaft mit einem Newsflash upgedatet habe und ich fuehle mich dementsprechend schlecht. Drum spare ich mir jetzt die gewitzte Einleitung und leg direkt los:
Vom 02.02.2010 bis zum 09.02.2010 stand das Zwischenseminar in Bagamoyo (Tansania) am Indischen Ozean auf dem Programm. Von dieser Art Seminar gibt es drei Stueck, allesamt obligatorischer Teil meines Auslandsaufenthalts: Das Vor- Zwischen- und Nachbereitungsseminar. Bei diesen Seminaren kommen immer 25-35 Freiwillige zusammen, um ueber Probleme, Aengste und Traumate zu quatschen und sich gegenseitig zu therapieren.
Und so laeuft das dann ab: Die meisten waren schon beim Vorbereitungsseminar mit der Einstellung angereist:"Haette ich den ganzen Paedagogenscheiss noetig, haette ich Rastas, Vollbart und eine Fleissurkunde von Green Peace." - so auch ich. Aber das Vorbereitungsseminar entwickelte sich dann trotz allem zu einer richtig (richtig, richtig, richtig) kuhlen Veranstaltung. Obwohl das aus meiner damaligen Therapiegruppe auch alle so empfunden hatten, kamen die meisten mit dieser Einstellung auch zu diesem Seminar.
Erst lief auch alles so (zaehfluessig) ab, wie beim Vorbereitungsseminar: Vorstellungsrunde- und spiele, Themensammlung (es wurden keine Themen vorgegeben, sondern die Teilnehmer durften vorschlagen was ihnen wichtig ist). Zack, da waren die ersten beiden Tage auch schon herum. Dann ging´s weiter mit Kleingruppenarbeit, in der ein jeder sein Projekt und die damit verbundenen Erfahrungen, Sorgen und Probleme bequatschen konnte.
In diesem Zuge wurden in den Folgetagen viel in diesen Kleingruppen ueber alles moegliche gequatscht. Von Beziehungsstress ueber Unter- und Ueberforderung bishin zum Abschied und der Wiederheimkehr. Der Clou an der Sache ist, dass man auf alle seine Sorgen ein Feedback bekommt, das grundsaetzlich positiv ausfaellt. Hat man also ausversehen ein kleines schwarzes Kind beim Malen erdrosselt, finden das erstmal alle halb so wild. So tritt man hinterher auch wieder mit aufrechtem Gang vor das Seminargebaeude und sieht die Welt so klar, wie nach vier Pils und einem Wiskey.
Um es kurz zu machen: Das Zwischenseminar war inhaltlich nicht so stark wie das Vorbereitungsseminar, dafuer war es mal wieder super mit 30 Freiwilligen bei Bierchen und entspannter Stimmung den Blick auf das Wesentliche zu richten.
So hatte mein persoenliches Highlight auch eigentlich gar nichts mit dem Zwischenseminar zu tun. Einer der Seminarteilnehmer, Steven, hatte mit einem der oertlichen Fischer gesprochen und gegen 10.000 Tansania Shillings (ca. 5 Euro) ausgehandelt, dass diese 8 Leute von uns mit auf den Ozean nehmen und diesen einen Einblick in ihren Berufsalltag geben. Die Leute hatten sich schnell gefunden und so ging das dann am naechsten Morgen um 6 Uhr auch schon los. Mit einem Mix aus Padel- und Segelkraft sind wir mit der 5-koepfigen Crew raus und lauschten ihren Betgesaengen. Spaeter holten die Jungs dann riesige Krebse, Kugelfische und kleine tintenfischartige Biester aus dem Wasser.
Freiwillige hoffen und glauben immer, dass sie sich unglaublich tief in der Kultur befinden, in der sie gerade fuer ein Jahr verweilen und erzaehlen hinterher immer von total exotischen und einmaligen und "eh nie wiederholbaren" Erlebnissen, um dem Zuhoerer zu demonstrieren, wie "drin" man eigentlich war. Sollte ich mit Dir, lieber Leser, nach diesem Jahr abends mal bei Sonnenuntergang und Jack Johnson zusammen sitzen, kannst Du dich schonmal darauf einstellen, dass ich dir diese Geschichte von echten Fischern und dem "Karma der Urspruenglichkeit" lauwarm auftischen werde.
Nach dieser viel zu schnell vergehenden ersten Woche, ging's dann direkt weiter nach Dar Es Salaam, um dort bei Hendrike und Julia - zwei Maedels, die ich noch vom Vorbereitungsseminar kenne - im Projekt zu malochen. Das Projekt umfasst einen Kindergarten mit knapp 40 Kindern, die die beiden von morgens bis nachmittags bespassen und ihnen singend, tanzend und erklaerend die Welt des Alphabets und der englischen Sprache ein bisschen naeher bringen - genau mein Fall also. Hier machte ich mich fortan und fuer die kommenden 2,5 Wochen singend, tanzend und schreiend zum Deppen, um den Kindern einen nachhaltigen Eindruck von der deutschen Erziehungskultur zu geben. Hendrike und Julia hatten das bis dato voellig unter den Teppich gekehrt. Insgesamt war das Projekt aber dem heimischen ziemlich aehnlich, die geographische Lage - die Perepherie der namibischen Zivilgesellschaft - jetzt mal aussen vor gelassen. So ging das Einarbeiten und Akzeptiertwerden angenehmerweise ziemlich flotti, auch weil Hendrike und Julia sich muetterlich meiner paedagogischen Behinderungen angenommen und mich in brennzligen Situationen (Schlaegerei, Drogenmissbrauch...) tatkraeftig unterstuetzt haben. Ein herzliches "Asante Sana" dafuer.
Was mich wohl am nachhaltigsten beeindruckt hat, waren die Lebensumstaende in Tansania und die vergleichsweise verarmte Bevoelkerung.
Dar Es Salaam ist die inoffizielle Hauptstadt und der Regierungssitz Tansanias (offizielle Hauptstadt, aufgrund der zentralen Lage: Dodoma), die zwischen 3 und 4 Millionen Einwohner fasst. Das erste, was mir rueckblickend dazu einfaellt, ist eine verdreckte und chaotische Stadt. Viele zerlumpte Strassenhaendler, behinderte und entstellte Menschen, viele herunter gekomme Gebaeude neben einigen wenigen auf hochglanz pollierten Neubauten. Das Attribut der Gegensaetzlichkeit, das man bei genauerem hinschauen ja jedem Land und nahezu jeder Stadt bescheinigen kann, habe ich so krass noch nicht erlebt.
Und nichtsdesto trotz hat das Ganze aus unbegreiflichen Gruenden ein beeindruckendes Flair. Vor allem der muslimische Einfluss auf Tansania und Dar Es Salaam erweckt den Eindruck eines kulturellen Schmelztiegels und war fuer mich als stets von Christen umgebener Typ ziemlich irre. Kirchen und koloniale Bauten finden sich hier genau so, wie Moescheen und Minaretten, inklusive Ruf des Muezzin - die weit hoerbare Aufforderung fuer Muslime zum Gebet. Verschleierte Frauen und Maenner in luftigen Gewaendern, Inder, oftmals besser gestellt in der Gesellschaft, wenig Europaeer.
Das Afrika was ich in Tansania erlebt habe, entspricht kaum dem Afrika, was ich aus Namibia kenne. Die namibische Hauptstadt, Windhoek, mit ihren 200.000 Einwohnern, ist gepflegt, sauber und entwickelt, im Vergleich zu Dar Es Salaam. Zugegeben, es ist schwierig diese beiden Laender zu vergleichen. Tansania hat knapp 35 Millionen Einwohner, Namibia hat 2 Millionen. Tansania ist zwar schon seit 1961 unabhaengig (Namibia seit 1990), ist aber von den englischen und vor allem deutschen Kolonialherren bis aufs Blut ausgebeutet worden. Namibia profitierte und profitiert zumindest wirtschaftlich von der Nachbarschaft zur grossen Schwester, Sued Afrika. Kein Supermarkt, der nicht aus Sued Afrika kommt (Pick'n'Pay, Shoprite...), sogar Fruechte, die Namibia eigentlich selber zu Hauf anbauen koennte, kommen aus Sued Afrika. Der Erzbischhof Namibias hat mir vor ein paar Tagen erzaehlt, dass wenn man heute die Einfuhren aus Sued Afrika stoppte, man morgen nichts mehr konsumieren haette. In Tansania dagegen ist es schwierig ausserhalb Dar Es Salaams einen Supermarkt zu finden. Auch in Afrika ist Armut relativ.
Das macht sich sogar beim Transportwesen fest. Ein beinahe taegliches Highlight war das Dalla Dalla-fahren. Dalla Dallas sind Minibusse, die auf festen Routen durch die Gegend fahren und meist mehr Leute aufnehmen, als rauslassen. Bei 28 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von 75% schwitzt man dann mit seinen 4-6 direkten Stehnachbarn gerne um die Wette. Besonders kuschelig wird es, wenn man groesser als 1,80m ist und brustaufwaerts parallel zur Decke steht. Wenn man dann nach gefuehlten 6 Stunden aus dem Gefaehrt tritt, bemerkt man erstmal, was man in Namibia an seinen auf 25 Personen limitierten Mercedes Sprinter-Minibussen hat... Dafuer zahlt man auch umgerechnet nur 13 Euro Cent, um durch ganz Dar Es Salaam kutschiert zu werden, was im Vergleich zu Namibia einsame Spitze ist.
Zusammen genommen war Tansania eine wirklich heilsame Erfahrung. Armut ist nicht gleich Armut und Afrika ist nicht gleich Afrika, das war vielleicht die wertvollste Lektion der Zeit in Tansania. Aber auch sonst hatte ich neben wertvollen Lektionen und koerperverformenden Transporterfahrungen eine gute Zeit. Das Zwischenseminar, die Arbeit in einem fremden Projekt, afrikanisches Grossstadtfeeling - schoen.
Wusstet ihr uebrigens, wie sich der Name "Tanzania" zusammen setzt?
1. Tanganyika, so hiess die Region um den riesigen Tanganyika See (heute im aeussersten Westen Tansanias)
2. Zanzibar, die sagenumwogene Gewuerz- und ehemalige Sklaveninsel, 35km nord-oestlich von Dar Es Salaam
3. Anias, so wurde die Ostkueste Afrikas auf griechisch genannt
Seit der Vereinigung 1961 nennt sich das ganze dann jetzt TanZaNia!
... bis die Tage.