Mittwoch, 1. September 2010

Praktikum im Problemviertelkrankenhaus: Teil 2


Ein bisschen Tod
Diese Woche war ich wieder auf der Inneren, weil ich das Gefuehl habe hier am meisten lernen und machen zu koennen. Meine beiden Interns sind leider in ein Krankenhaus ausserhalb von Windhoek versetzt worden, allerdings gibt es Interns in Huelle und Fuelle, sodass ich letzte Woche mit Paul und Helvi die Wards unsicher machte.
Die beiden lassen mich Blutabnehmen, wo Blut abzunehmen ist und erklaeren mir, warum die abgemagerte Frau da zittert und Blut vor den Zaehnen hat (HIV-positiv, Stufe 4) und warum der Mann da so viel Wasser in Beinen, Unterleib und Armen hat (starker Raucher: Herzversagen, bedingt durch chronischen Ueberdruck in den Lungen). Ihr merkt, ich fuchse mich langsam in die gaengigen Krankheitsbilder ein...

Ein paar kleine Schocks gab es auch diese Woche wieder. Zufaellig war ich gerade mit Dr. Dunduru unterwegs, seines Zeichens Captain des Doctor´s Football Team, in dem ich seit ein paar Wochen spiele, als dieser auf eine andere Station beordert wurde, um sich einen besonders interessanten Fall anzuschauen. Eine 45 Jahre alte Frau leidet unter dem „schlagmichtot“-Syndrom, das ueberall am Koerper offene Wunden entstehen und die Haut dabei wie verbrannt aussehen laesst. Als Doktor Dunduru sich dann auf Station nach der Patientin erkundigte, erwaehnte die Schwester beilaeufig, dass die Patientin vor einer halben Stunde in Richtung „Himmel gegangen ist“. Hm, na gut, Fall erledigt, was? Scheisse "Fall erledigt"! Wo die Patientin denn laege und ob wir nochmal einen Blick darauf werfen koennten? Wenn die Neugier mit den Medizinern durchgeht... So bin ich dem Doktor dann in den kleinen Raum auf der Station hinterher getigert und konnte mich zwischen Neugier, Angst und Ekel nicht so recht entscheiden, als der Doktor die Plastikhuelle um die ehemalige Patientin oeffnete. Tatsaechlich war die Frau am ganzen Koerper mit Wunden und Brandmalen uebersaeht, auch ihre Augen, die zu oeffnen der Doktor sich nicht hatte nehmen lassen, sahen nicht mehr ganz frisch aus. Das kann aber natuerlich auch einfach damit zusammen haengen, dass die Patientin tot war...

Schon Anfang der Woche hatte ich Erfahrungen mit Patienten gemacht, die mehr oder weniger ploetzlich sterben. Paul, mein Intern, hatte mir die letzte Patientin des Tages zum Blutabnehmen ueberlassen und war schonmal nach Hause gefahren. Als ich die Patientin dann in Augenschein nahm, rutschte mir das Herz kurz in die Hose. Eine an AIDS erkrankte Patientin in der letzten Stufe, zitternd, um sich schlagend und stoehnend, lag nackt auf dem Bett vor mir, ich war nicht ganz sicher, ob sie meine Worte ueber das bevorstehende Blutabnehmen ueberhaupt mitbekommen hatte. Leider hatte Patientin auch nach dem Abbinden des Arms keine sichtbaren Venen an den Armen, wie ich etwas beunruhigt feststellte. Nicht dass das etwas Ungewoehnliches waere, aber in der Konsequenz muss man femoral Blut abnehmen. Das bedeutet, dass man die Hauptschlagader in der Leistengegend sucht und dann einige Zentimeter tief eindringt, um die Spritze dann vollzumachen. Waehrend die Krankenschwester also die Arme und Beine der Patientin ruhig zu halten versuchte, suchte ich eifrig das pulsierende Schlagen in der Leistengegend der Patientin. Das war allerdings gar nicht so einfach, weil die Patientin, wie eingangs erwaehnt, zitterte wie verrueckt. Nach einer gefuehlten Ewigkeit pulsierte es dann endlich leicht unter meinen Fingern und ich konnte endlich das lang ersehnte Blut abnehmen.
Am naechsten Morgen bemerkte Paul beim allmorgendlichen Rundgang: „Du hast die Patientin gestern umgebracht“, und bemerkte vermutlich ziemlich amuesiert, wie mein Kopf ein heiteres Farbenspiel veranstaltete ... „Ich mach nur Spass, sie ist aber trotzdem tot.“. Puh, selten hab ich so gelacht, wie in diesem Augenblick, in dem ich Paul spasseshalber auch gerne mein Knie in seine femorale Gegend gerammt haette.
Auch den Rest der Woche werde ich auf der Inneren verbringen, den ein oder anderen Patienten um ein paar Tropfen Blut erleichtern und hie und da ein bisschen fuehlen, klopfen und horchen. Komme was wolle, ein paar Tage spaeter werdet ihr es an genau dieser Stelle nachlesen koennen.
Lasst euch nicht anquatschen und bleibt gesund!
Gruss aus Namibia,
Fredi

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