Mittwoch, 1. September 2010

Praktikum im Problemviertelkrankenhaus: Teil 1


Blutfontaenen, reissende Haut und brechende Knochen sind ok fuer mich
Ich bin jetzt seit knapp drei Wochen Praktikant und Assistent im Katutura State Hospital und habe schon ein paar spannende, widerliche und faszinierende Sachen erlebt. Vor allem die ersten eineinhalb Wochen in der Inneren haben mir einen unglaublich spannenden Einblick in den Medizineralltag in Namibia gegeben. Mein Glueck war, dass meine schon im ersten Bericht beschriebenen Interns sich unendlich viel Zeit genommen haben, um mich in all die verkruksten Faelle und Gegebenheiten im Katutura State Hospital einzuweisen. Gegen Ende meiner kurzen Zeit war es selbstverstaendlich, dass ich den Patienten Blut abgenommen habe und teilweise die klinische Untersuchtung, d.h. abtasten, horchen und gucken, uebernommen habe. Auch Fluessigkeitsentnahmen aus dem Rueckenmark (Lamba Puncture) und der Lunge (Taps) durfte ich durchfuehren. Ich darf verraten, dass die Arbeit am Patienten mitunter ziemlich kniffelig und wahrscheinlich gerade deshalb ziemlich spannend ist!

Auch sonst kam selten Langeweile auf. Meine zweite Knochmarksentnahme beispielsweise, die durch eine schwere Osteoporose der Patientin eher wie das Loechern eines Kaeses aussah, als das Eindringen in einen Knochen, war nach meinem kleinen Kreislaufabenteuer am ersten Tag eine gute Gelegenheit meine Belastungsgrenzen in dieser Hinsicht zu erweitern.
Die Tumorentnahme und Haemoridenbeseitigung in der Chirurgie waren spannend, wenn auch ungeahnt kleine Eingriffe.
Bei der Herzschrittmacher-OP wollte ich gleich zu Anfang ein Zeichen setzen und dem Chefoperateur seinen Kittel anreichen. Ich beruehrte den Kittel fuer 0,24426 Sekunden und fuhr erschrocken zurueck, als der Chefoperateur, Dr. Katjitae mir auf deutsch: “Lass das!” zu bruellte. Erst dann fiel mir auf, dass ich keine Handschuhe trug und mir im Gegensatz zu Dr. Katjitae nicht vorher 10min. die Haende gewaschen hatte und den Kittel so kontaminiert haette. Mist.

Zu Anfang der Op musste ich, um die aufsteigende Magensaeure in Schach zu halten, kurz vor die Tuer gehen, weil der Arzt in dem Loch ueber dem linken Brustansatz der 72 jaehrigen Patientin herum manschte, als ginge es darum eine Ueberrschung im Baellchenbad zu finden. Auch sonst war die fuenf stuendige Herzschrittmacher-OP ein ziemliches Highlight, wollte doch der verfluchte Herzschrittmacher dem Herzen nicht so rechten Rythmus verleihen. Nach ewigem Gestocher und Probieren kam spaeter heraus, dass es wahrscheinlich am defekten Herzschrittmacher selbst liegt, nach zweieinhalb Stunden war das eine wichtige Erkenntnis. Letztlich hat die Patientin jetzt ein zuverlaessiges Herz und ich eine weitere Geschichte fuers Lagerfeuer.
Auch die beiden Kaiserschnitte, deren Zeuge ich auf der Paediatrie wurde, waren einpraegsam. Wieder einmal war ich erstaunt, wie ruede die Operateure mit der Haut der Patientinnen umgingen. Ein Schnitt durch Haut und Fett eroeffnet bei solcherlei OPs das Operationsfeld, danach wird versucht zu dehnen anstatt weiter zu schneiden, d.h. man zieht die Haut auf beiden Seiten des Schnitts in zwei verschiedene Richtungen, um hinterher ein kosmetisch schoeneres (weil narbenaermeres) Ergebnis zu bekommen. In der Praxis begeben sich zwei voll ausgewachsene Maenner in Rueckenlage und halten sich, wie beim Tauziehen, an der Haut der Patientin fest, um sie ihrer eigenen ein Stueck naeher zu bringen. So sinnvoll dieses Prozedere kosmetisch ist, so brutal sieht es fuer den ahnungslosen Zuschauer aus. Den werdenden Muettern war es egal, sie waren lokal betaeubt, sodass sie zwar bei Bewusstsein waren, aber von den Reissproben weiter unterhalb nichts mitbekamen.
Ist der Uterus dann erstmal freigelegt und samt der Fruchtblase aufgeschnitten, nimmt das Bad aus Blut und Fruchtwasser kein Ende mehr. Das Ganze ergiesst sich aus dem Bauch ueber die Decken und Folien, mit denen der Unterleib der Patientin in weiser Voraussicht ueberdeckt worden ist. Ein Sauger versucht die Welle ein bisschen einzudaemmen, erinnert aber eher an den Staubsauger in der Wueste. Ist der Fluessigkeitsschwall dann abgeklungen, schimmert auch schon ein duenn behaarter Kopf durch das Bierdeckel-grosse Loch im Uterus. Dieser wird dann in aller Eile heraus geprokelt, um das Baby anschliessend in die Arme einer Schwester zu setzen, damit es sofort unter einem Heizstrahler auf die koerperlichen Grundfunktionen untersucht werden kann. Der international standartisierte Apgar-Score gibt hier ein paar einfache Tests vor, bei dem das Baby durch regelmaessiges Atmen, Zappeln und Schreien bis zu 10 Punkte erreichen kann. Sind es dann weniger als 7 Punkte, nimmt sich die Fruehchenstation seiner an und peppelt es in einem dieser ungemuetlichen Brutkaesten auf. An dieser Stelle faellt mir immer wieder ein, dass ich seiner Zeit Tagessieger war, d.h. groesstes und schwerstes Baby des Tages. Nicht dass ich deswegen was Besseres waere, aber es faellt mir an dieser Stelle einfach immer wieder ein...

Tagessieger! Yes!!!

Fredi

1. Tag im Katutura State Hospital

Entspannter Einstieg und erste Belastungsproben



Das Katutura State Hospital ist das groesste Krankenhaus landesweit und legt optisch den Verdacht nahe, dass hier bei den Ingeniueren und Architekten der DDR abgeschaut wurde. Das Krankenhaus steht im Township Windhoeks - Katutura (Herero-Sprache: "Der Ort an dem ich nicht bleiben will") und war frueher ein Krankenhaus nur fuer Schwarze. Die Rassentrennung ging so weit, dass man die Kranken in verschiedenen Krankenhaeusern unterbrachte. Heute werden hier schwarze und weisse Patienten gleichermassen aufgenommen, was aber nichts an der deutlich hoeheren Anzahl schwarzer Patienten aendert, die wahrscheinlich daher ruehrt, dass Weisse in Namibia immer noch haeufig zu dem reicheren Drittel der Gesellschaft zaehlen und so Privatkrankenhaeuser vorziehen, die besser ausgestattet sind und ein angenehmeres Ambiente bieten.


So stehe ich nun vor diesem Betonblock und versuche mich mental auf alle moeglichen Szenarien einzustellen, die mich in den kommenden Minuten und Stunden so einholen koennten. In der Eingangshalle stehen ca. 40 Menschen in einer Schlange und warten vor einem Schalter, hinter dem es den Gesundheitspass gibt. Diesen erwirbt man fuer 8 Nam$ (ca. 80 Euro Cent) und hat damit die bestmoegliche Behandlung im Katutura State Hospital in der Tasche.
Ich warte nicht auf den Aufzug, denn aus Erfahrung weiss ich, dass dieser so seine Zeit braucht, bis er sich vom 8.Stock ins Erdgeschoss bequemt hat.
Ich stelle mich wie vereinbart im zweiten Stock bei der Sekretaerin des Senior Super Intendent des Krankenhauses vor und werde einem offensichtlich zufaellig anwesenden Intern zugeteilt. Mein Intern ist eine Sie, ca. 27 Jahre alt und hoert auf den Namen Dr. Olivier. Dr. Olivier ist ziemlich in Eile, bemueht sich aber um den ueblichen Kennenlern-Smalltalk, bevor sie mich in einen abgedunkelten grossen Raum schleppt, in dessen Mitte ein riesiger ovaler Tisch steht, um den sich ca. 30 Aerzte tummeln und einem Referenten lauschen, der die Zuhoererschaft offensichtlich ueber die Erkennung und Behandlung von Epilepsie in Kenntnis setzen will. Die meisten Aerzte sind Schwarz, die aelteren sind maennlich, die meisten jungen Aerzte weiblich, eine weisse Doktorin. Einige stellen Fragen und offenbaren teilweise ein denkbar schlechtes Englisch, einer stellt besonders viele Fragen und flaezt sich anschliessend genuesslich in seinen Sessel und blickt in die Runde, er weiss die Antwort naemlich schon. Auch sein Aeusseres verraet eine Menge Berufserfahrung und sein Laecheln zeugt von dieser wissenden Entspanntheit, wie sie nur leidgeprueften und erfahrenen Aerzten zu eigen ist. Klarer Fall: Er ist das Alphatier im Raum.
Im Anschluss an die Sitzung kommt er auf mich zu, waehrend ich im Kreise einiger junger Aerzte stehe und mich vorstelle, und heisst mich herzlich willkommen, das Ganze auf Deutsch, denn der gute Mann hat doch tatsaechlich in Homburg im Saarland studiert. Sachen gibt das!
Anschliessend eile ich mit Dr. Olivier in den 6.Stock des Krankenhauses und erlebe den allmorgendlichen Rundgang ("Ward Round"), bei dem die diensthabenden Aerzte der voran gegangenen Nacht einem Consultant, also einem dieser wissenden Aerzte, ihre gestellten Diagnosen und Behandlungsvorschlaege mitteilen und diskutieren. Ich verstehe inhaltlich quasi gar nichts, staune aber mit welcher Selbstverstaendlichkeit die Aerzte mit den teilweise abgemagerten und entstellten Patienten umgehen.

Als der Rundgang vorueber ist, verheisst der weitere Tagesplan von Dr. Olivier und mir Spannung: Eine Knochenmarkprobe muss einer Patientin aus dem Hueftknochen entnommen werden. Es ist die Primiere fuer Dr. Olivier, und ich darf zu schauen - uhu! So hasten wir eine Etage tiefer in den 8qm grossen OP-Saal, in dessen Ecke eine junge schlaefrige Frau liegt. Sie leidet unter Anaemie, also unter einem Mangel von roten Blutkoerperchen, woraus ein Mangel an Sauerstoff im Blut folgt. Durch die Entnahme der Knochenmarkprobe kann das Labor hinterher herausfinden, welche Ursache dafuer vorliegt.
Dr. Olivier richtet sich schon mal mit ihrem Operationsbesteck auf einem kleinen Tischchen neben der Patientin ein und verabreicht der Patienten eine Dosis Valium. Ich richte mich schon mal in meiner Ecke ein und erinnere mich an meinen Kreislaufzusammenbruch im letzten Jahr, als man mir einen Kateter legte, um mir irgendeine Fluessigkeit ins Blut zu pumpen.
Dann geht's auch schon los. Unter Anleitung eines erfahrenen Arztes jagt Dr. Olivier der nun schnarchenden Patientin ein paar Spritzen ins Fleisch ueber der linken Pobacke, immer soweit, bis die Nadeln merklich im Knochen stecken. Dann ein kleiner Schnitt mit dem Skalpell und dann... Ja und dann das! Ein Schraubenzieher-ahenliches Teil gleitet vom Op-Tisch in die Hand Dr. Oliviers direkt in die kleine Oeffnung ueber der linken Pobacke. Rotierend stoesst die Spitze immer tiefer durch Fleisch, Fett und Muskeln, bis ein Geraeusch erklingt, das wie brechendes Eis klingt. Als naechstes finde ich mich auf einem Stuhl hinter der Rezeption wieder und merke wie mir abwechselnd heiss und kalt wird, dazu ein leichter Schwindel und Uebelkeit - schoen. Ich merke, dass ich keine Farbe im Gesicht habe und frage eine der Schwestern nach einem Glas Wasser, diese lacht aber nur daemlich und verneint. Als ich gefahrlos aufstehen kann, haenge ich mich unter den naechsten Wasserhahn, trinke und wasche mir das Gesicht. Danach sitze ich wieder einfach nur. Es muessen mindestens schon 15min vergangen sein, seitdem ich aus dem OP gestuerzt bin, aber die Damen und Herren sind immer noch zu Gange. Ich frage mich um wie viele Kilogramm die arme Frau wohl erleichtert wird und merke, dass ich auch eine Dosis Valium gebrauchen koennte. Dann loest sich die Gesellschaft im OP langsam auf und Dr. Olivier fragt mich erstaunt, wo ich gewesen sei. Ich erklaere ihr den Sachverhalt, den sie schlicht mit einem "shame" kommentiert. Anschliessend beruhigt sie mich allerdings und erzaehlt, dass sie bei ihrer ersten aktiven OP-Besichtigung gebrochen habe. Ich verliebe mich einen Augenblick in meinen Intern, bemerke aber, dass es direkt weitergeht.
Ein junger, voellig abgemagerter schwarzer Mann muss einen intravenoesen Schlauch verlegt bekommen, weil sein Koerper die ueberlebenswichtigen Stoffe nicht mehr aus der Nahrung filtert. Der Mann kann kaum noch sprechen, gibt aber durch ein kurzes Zucken im Gesicht zu erkennen, dass ihm das Herumgespritze und Schlauchverlegen weh tut. Ich stehe daneben und komme mir denkbar ueberfluessig vor. Dr. Hamunyela - die Mentorin von Dr. Olivier - ermuntert mich allerdings einen Schritt naeher zu treten und so tue ich wie mir aufgetragen. Irgendwie will der Schlauch nicht dahin, wo er hin soll, deswegen wird jetzt das selbe Prozedere auf der anderen Seite, also der linken Brusthaelfte versucht. Als der Patient seinen Arm nimmt, um den der Aerztin mit der Spritze in der Hand weg zu druecken, verabreicht ihm Dr. Olivier sofort die dritte (!) Dosis Valium, um ihn endlich ruhig zu stellen. Ploetzlich sind seine Pupillen verschwunden und ihm steht nur noch das Weisse in den halb geoeffneten Augen. Dr. Hamunyela stellt fest, dass sein Puls faellt und beauftragt eine der Schwestern den Patienten an ein Sauerstoffgeraet anzuschliessen. Die Schwester stellt trocken fest, dass das Sauerstoffgeraet auf der anderen Seite des Zimmers angebracht ist, daher wird der junge Mann mit all seinem Equitment auf die andere Seite des Zimmers gerollt. Hier wird auch ein Geraet angeschlossen, dass den Blutdruck und die Koerpertemperatur misst. Ich staune, wie ein Mensch mit einer Temperatur von 23,5 Grad leben kann und bekomme erklaert, dass die Temperaturanzeige nicht richtig funktioniert. Dafuer sinkt der Puls stetig, ebenso der Blutdruck. Dr. Hamunyela ordert eine Dosis Adrenalin, bittet aber noch abzuwarten. Erst muesse der Patient geroentgt werden, um festzustellen, was fuer den kritischen Zustand verantwortlich ist. Entweder seien es innere Blutungen oder es sei Luft zwischen den Rippen und einem der Lungenfluegel, die die volle Ausdehnung des Lungenfluegels verhindert und so zu einem Lungenkollaps fuehren kann. Bis das Roentgengeraet aus einer der unteren Etagen angekarrt ist, wird einige Zeit vergehen, und weil es ohnehin schon Zeit fuer mich geworden war, entlassen mich Dr. Hamunyela und Dr. Olivier freundlich in meinen Feierabend.
Ich frage mich, wann fuer die beiden Aerztinnen Feierabend sein wird, ganz zu schweigen von dem Patienten...

Eine lange erste Kette von Erlebnissen am ersten Tag im Katutura State Hospital, aber trotzdem lehrreich und unglaublich spannend. Ich hoffe, das bleibt so!

Dienstag, 31. August 2010

Reisen durch den Norden

Rückblick auf den Herbst 2009


Ich mal wieder!

Seit wir vor 3 Wochen von Windhuk ueber Oshakati und Oshikuku nach Ruacana und schlussendlich nach Oshipeto gereist sind, hat sich einiges getan:

Zum Visum:

Auch in Namibia ist man Fan von Buerokratie, sodass die Jungs im Innenministerium erst unsere Visumsunterlagen aus Deutschland abwarten, anstatt unserem Antrag durch eine der Schwestern zu entsprechen. Das bedeutet, dass wir Ende November nochmal nach Windhuk juckeln muessen, da unser Touristenvisum dann auslaeuft. Dann hoffentlich koennen wir guten Gewissens mit der Arbeitserlaubnis zurueck gen Oshipeto fahren.

Ruacana (08.09.09 - 25.09.09):

Das beschauliche 1000-Seelendorf Ruacana, das im aeussersten Norden Namibias an der Grenze zu Angola liegt, beherbergte uns fuer knappe zwei Wochen. In dieser Zeit avancierten wir zu waschechten Lehrern; ich in den Faechern Englisch und Computer und Christoph in Computer und Restaurant-Lehre.

Die Zeit war eine echte Pruefung, denn der Norden Namibias ist nochmal was ganz anderes als die dem Westen aehnelnde Region um Windhuk. Hier regiert die fuer Namibia typische endlose Weite und das Buschland, das sich unter der heissen Sonne bis zum Horizont erstreckt und sich nur durch vereinzelt zu sehende Krals und Huettenansammlungen abwechselt.
Ruacana ist daher ein verhaeltnismaessig grosses Dorf mit der besonderen Umstand zum grossen Teil aus Betonhuetten zu bestehen. In eben so einer Huette, von den oertlichen Ordensschwestern zur Verfuegung gestellt, hausten wir und unterrichteten an der knapp 60 Schueler fassenden Privatschule mit Schuelern zwischen 19 und 40 Jahren. Nach diesen zwei Wochen ging es dann endgueltig nach Oshipeto.

Oshipeto (gegenwaertig):

Nachdem wir phasenweise auf den Busch vorbereitet wurden - Oshakati ("Hauptstadt des Nordens"), Oshikuku, Ruacana, Oshipeto - war die Ankunft im stromlosen Oshipeto ueberraschend schoen. Knappe 100 Kinder hatten sich schnell um die Ladeflaeche des Pickups versammelt, mit dem wir hergebracht wurden und sangen tanzend"We are happy that you are here". Ein Spitzenempfang, der auch einer harten Sau wie mir beinahe den Saft in die Augen trieb...
Besonders angenehm war, dass wir in ersten Tagen von zwei Theologiestudentinnen aus Deutschland eingearbeitet wurden, die die vorhergehenden zwei Monate in Oshipeto verbracht hatten.
So hatten wir den Alltag ziemlich schnell raus:
Vormittags betreuen wir den Kindergarten, was sicher zu den nervenzehrendsten Aufgaben des Tages gehoert. Die Kinder schreien, spielen, kloppen und weinen um die Wette und sprechen dabei nur selten kommunikatives Englisch. Alles in allem ist der Job aber lustig, wenn auch manchmal anstrengend!
Mittags bekochen wir uns selbst, bisher allerdings nur mit Nudeln, Eiern und Bockwuerstchen, und relaxen anschliessend.
Nachmittags gehen wir dann zu den Kindern und bespassen diese mit Fussbaellen, Seilchen, Hautmalfarbe oder schlicht unserer Anwesenheit. Bespassung durch Anwesenheit kann ruhig woertlich genommen werden, denn kaum kommt man in Sichtweite der spielwuetigen Kinder zwischen 5 und 17Jahren, hat man 2 Kinder an jedem Bein, 5 an jedem Arm und 17, die einem auf, am oder im Kopf herumspielen und die weisse Haut bewundern. Ein Traum!
Abends stehen dann noch Kartenspiele, Lesen oder das ein oder andere Bier in Okashia auf dem Plan. Okashia ist ein 5km entferntes Dorf und der Ballermann von Oshipeto. Es stehen also 3 kleine Bars aus Beton oder Holz zur Auswahl, in denen man Billiard spielen oder trommelfellzerstoerend laute Musik aus einer Jukebox hoeren kann.
Auch das Waschen per Hand gehoert von nun an zum regelmaessigen Prozedere in Oshipeto. Man glaubt gar nicht wie anstrengend das sein kann! Da machse nix, da musse durch...

Alles in allem aber ein gelungener Start ins Auslandsjahr und den Arbeitsalltag in Namibia.

Soweit aus Oshipeto,

Fredi

Montag, 30. August 2010

"... Schluss aus und vorbei...

... im Leben geht so viel entzwei." Das wusste schon unser aller Vorbild und Vater, Wolfgang Plattenkoenig Petry. In nicht weniger als drei (3) Tagen werde ich in den Flieger steigen und die Heimreise antreten. Dabei bin ich doch gerade erst angekommen! Das versucht mir mein Hirn jedenfalls seit geraumer Zeit einzufluestern...

Die letzten Tage sind ueberhaupt ziemlich komisch. Das grosse Verabschieden geht los. Im Projekt haben Christoph und ich uns bereits verabschiedet. Und weil Abschiede an sich nicht schon grausam genug sind, haben wir noch drei Ziegen gekauft und umbringen lassen. Einfach so. Und ein bisschen auch weil wir mittlerweile wissen, dass das Schlachten von Tieren in Oshipeto, vom Hinrichten bis zum Verspeisen, allseits Freude verbreitet und fuer ausgelassene Feierstimmung sorgt. Die Abschiedsfete war ein dementsprechend gelungenes Fest. Alle 150 Kinder und Jugendliche haben sich irgendwie in Gruppen zusammen gefunden (15 an der Zahl) und gesungen, getanzt und Theater aufgefuehrt, was das Zeug hielt. Zum Schluss haben noch einige der aelteren Kinder und unsere Mentorin ein paar Worte an uns gerichtet, sodass es vom Klos im Hals bis zum Traenenmeer auf Wangen, T-Shirt und Buchse nicht mehr weit war. Alles in allem also eine wirklich schoene Zeremonie.
In Windhoek gilt es jetzt noch bei saemtlichen Schwestern, Familien und Freunden Lebewohl zu sagen, bevor das grosse Begruessen in Deutschland ab Freitag beginnt - einfach herrlich!

Und was bleibt? Das ist ein bisschen die Frage, die im Augenblick ueber allem steht. Die Erinnerungen ans wunderschoene Namibia? Ans traute Oshipeto? An die Herzenswaerme, mit der wir eigentlich durchs ganze Jahr geleitet wurden? Bin ich jetzt ein besserer Mensch!? Ein ganzer Kerl mit der Gelassenheit eines Elefanten und dem Weitblick eines Zebras (oder Gnus)?
Ich weiss das nicht. Ich werde es wohl herausfinden, wenn ich wieder in Deutschland angekommen bin und mich in stillen, lauten, melancholischen und sonstigen Momenten zurueckerinnere...

Bis dahin werde ich einfach weiter stur "Aufwiedersehen" oder "Hallo, schoen wieder da zu sein" sagen und mal schauen, was mir mein Hirn kuenftig ueber Namibia einfluestert.

Auf ziemlich bald,

Fredi

Samstag, 7. August 2010

Kleider fuer Oshipeto: Stand der Dinge



Haidiho meine Lieben,


hier ein kleiner Nusflesch bezueglich des "Kleider-fuer-Oshipeto"-Projekts, das uebrigens - nur um es einfach noch mal gesagt zu haben - ein voller Erfolg war.


Mit Hilfe von Freunden, Nachbarn und sogar einer Spenderin haben mein Vater und gerade genannte Eure Spenden nach Borken gekarrt. Der Padre in Borken hatte vorgeschlagen, den Container einen Monat spaeter loszuschicken, um Euch noch laenger die Moeglichkeit geben zu koennen Kleiderschraenke, Garagen, Keller etc. zu entruempeln. Das hat die Konsequenz, dass der Container nicht mehr in der Zeit ankommt, in der Christoph und ich im wunderschoenen Namibia verweilen.
Gut, haette ich den Mund vielleicht nicht so voll nehmen sollen, von wegen "zuverlaessiger als UNICEF" und so weiter. Aber! Weil wir trotz der Planaenderung sicher stellen wollen, dass die Spenden in Oshipeto und nur in Oshipeto landen, haben wir uns mit unserer Mentorin unterhalten, die zu gesichert hat, die knapp 120 Kisten und Paletten (!) sicher an den Zielort zu bugsieren. Ohne UNICEF, is klar...


Im Anhang koennt ihr uebrigens die Kistenberge bestaunen, die kurzzeitig unsere Garage in fluechtlingslageraehnliche Zustaende gebracht hat.


Gruss und bis bald,

Fredi

Samstag, 17. Juli 2010

Kein Herz fuer Rinder

Es gibt wieder Neues aus der nord-namibischen Rinder-Folterkammer.

Vorletzte Woche ist eines dunklen Abends mal wieder ein Prachtrind angekarrt worden, weil Fleisch im Supermarkt teuer und es ohnehin jedesmal unheimlich kurzweilig ist, wenn ein Rind umgebracht wird. Zum Nachteil fuers Rind ist die Fuehrungsetage in Oshipeto neu und kann daher nicht wissen, was beim letzten Mal passierte, als ein Rindvieh in Oshipeto geschlachtet werden sollte.
Damals, kurz nach unserer Ankunft in Oshipeto, versuchte man vergeblich mit einem Luftgewehr, das wohl schon mindestens 4 Generationen gesehen haben muss, den 3cm dicken Schaedel eines Bullen durchzuhauen. Voellig ueberraschend war das nicht gelungen. Stattdessen organisierte man eine Axt und brach dem armen Vieh mit fuenf Hieben den Hals.
Dieses Mal wurde Christoph - gelernter Landwird und Tierfreund - als glorreicher Schuetze auserkohren, um den Abzug zu betaetigen. Clever wie er ist, lehnte er ab. Die Bitte wurde allerdings an ihn herangetragen, da war das neue Ungluecksrind bereits in Oshipeto, genauer gesagt 20m vor unserem Gaestehaus, friedlich grasend und muhend. In den spaeten Nachmittagsstunden gesellte sich das Rind auch gerne paar Meter vor mein Zimmerfenster auf der Rueckseite des Hauses, was stets einen frischen Rinderduft mit sich brachte.

Eines schoenen Morgens hoere ich ploetzlich wildes Galoppieren vor meinem Fenster und frage mich, warum das Rind es ploetzlich so eilig hat. In Oshipeto hat es ausser den Besuchern eigentlich niemand eilig... Heute weiss ich: Es hatte eine Luftgewehrkugel am Kopf und eine Horde aufgebrachter Schwarzer verfolgten es, um es mit letztlich zwei weiteren Kugeln zu erlegen.
Wie der erfahrene Landwirt - und ich dadurch mittlerweile auch - weiss, macht Adrenalin Rindfleisch ungeniessbar. Deswegen werden die Viecher in unseren heimischen Breitengeraden auch hinterruecks und ohne jede Hetzjagd umgebracht. Das erklaert allerdings, warum Fleisch im noerdlichen Namibia meistens heiter bis wolkig schmeckt...
Es war trotzdem wieder faszinierend mit anzusehen, wie die drei Schlaechter das auseinander rupften, hier mal ein Hieb mit der Axt und da mal ein Schlag mit der Machete. Den Hunden hat das umherfliessende Blut augenscheinlich prima geschmeckt.

Fuer Sensationstouristen wie mich, gibt es auf Anfrage jederzeit entsprechende Fotos, gerne auch mit Anleitung fuers Selberausprobieren!


Tate Kalunga neku yam beke!



Es ist mal wieder eine Weile her, dass ich was aus meinem sandigen Buschleben habe verlauten lassen. Shame on me!

Nach den organisatorischen Anstrengungen bezueglich des “Kleider fuer Oshipeto”-Projekts, sind nun wieder andere Aufgaben in den Fokus gerueckt. Der Hausbau bzw. dessen Anstrich und die Planung fuer den Bau einer roemisch-katholische Privatschule in Oshipeto zum Beispiel. Zuerst aber noch ein paar Worte zum Kleider-Projekt:

Letzten Donnerstag hat mein Vater zusammen mit meinen beiden Busenfreunden, David und Constantin, ueber 80 (!) Bananenkartons mit euren Klamotten, Ruecksaecken und vielem anderen, und eine Europalette mit Schulbuechern Richtung Bremen gebracht. De puhre Woohnsinn!
Ein vorerst letztes grosses Dankeschoen an alle Spenderinnen und Spender, die den noch ahnungslosen Kindern warme Sachen und einiges mehr zukommen lassen. Vielen Dank an meine Familie und meine beiden Busenfreunde (David und Constantin), die die eigentliche Arbeit geleistet haben und wahrscheinlich fuer den guten Zweck in ein paar Jahren mehrere Bandscheibenvorfaelle und Hexenschuesse vom vielen Tragen, Heben und Schleppen haben werden.
Vielen Dank auch an meinen Manager und meine Fans, ohne die ich nie so weit… Ich schweife ab.
Tate Kalunga neku yam beke! (Moege Gott mit Euch sein!) :)

Jo. Ansonsten ist unser neues Haeuschen auf bestem Wege bald Kinder zu beherbergen. Der weisse Aussenanstrich ist schon trocken, gruene und gelbe Farbe kommt, sobald sich unsere Finanz-Schwester in Bewegung gesetzt hat, um mit ihrem Pin-Code unsere Spendengelder abzuholen. Christoph und ich haben uns dementsprechend feur die naechsten Tage und Wochen eine alternative Beschaeftigung gesucht.

Die roemisch-katholische Privatschule Oshipeto

Unsere Mentorin, Schwester Magdalena, hat in kurzfristiger Zukunft vor, eine Privatschule in Oshipeto zu errichten. Wie gewoehnlich ist Geld das Hauptproblem, sodass Christoph und ich versuchen, Wege zu finden, das Projekt zu unterstuetzen. Letzten Monat waren wir zu diesem Zweck zum Beispiel bei der deutschen Botschaft, die uns in Aussicht gestellt hat eine finanzielle von hoechstens 250.000Nam$ (ca. 25.000 Euro; schoen uebrigens, dass die Summe im Augenblick in Namibia Dollars festgelegt ist und nicht in Euro...) zu leisten, wenn wir ein gut ausgearbeitetes Konzept vorlegen, welches den Bau, die Kosten, Vorteile, Nachteile und was nicht noch alles umfasst. Diese Woche war schon ein erstes Bauleiter da, dem wir unsere Eckdaten und Vorstellungen versucht haben zu vermitteln. Bis naechste Woche (de Facto also bis ueber-uebernaechste Woche) moechte der steife Baumeister angolanischer Herkunft mit Rasta-Bart ein Angebot vorlegen. Schaunmer mal...